Die Taube mit silbernen Schwingen
Zeitoun 1968
Ägypten ist das einzige Land außerhalb Israels, in dem sich die Heilige Familie mit Jesus Christus aufgehalten hat. Zwei Plätze sind es, die aus uralten Quellen als Aufenthaltsorte der heiligen Flüchtlinge bekannt sind: Kasr el Scham’a in Alt-Kairo und Matarieh bei den Ruinen von Heliopolis. Dort steht heute noch der berühmte Muttergottesbaum, unter dem Jesus, Maria und Josef die erste Zeit gelagert hatten, und die Quelle, die bei ihrer Ankunft zu sprudeln begann. Früher gab es in Matarieh noch den einzigen Balsamgarten. Seit den Anfängen des Christentums werden all diese heiligen Stätten bewacht und gepflegt als kostbare Erinnerungszeichen an Maria und ihre Familie, als die sie schon immer von Christen und Mohammedanern verehrt wurden und die damit eine wichtige spirituelle Brücke zwischen den Religionen bildeten und noch bilden.
Und gleich neben Matarieh liegt der eher junge Ort Zeitoun. Hier hat die fromme Khalilfamilie 1925 den Bau einer Koptisch-Orthodoxen Kirche gestiftet, die nach Maria benannt ist. Dabei erhielt ein Mitglied dieser Familie die Prophezeiung, daß hier die Muttergottes erscheinen werde.
So war also eine doppelte Beziehung zu den außergewöhnlichen Ereignissen geschaffen, die in der Nacht vom 2. auf den 3. April 1968 in Zeitoun begannen: Zwei mohammedanische Arbeiter der städtischen Garage sahen, wie sich eine weißgekleidete Dame auf dem Dach der benachbarten Kirche am Kreuz festhielt. Sie dachten an eine Selbstmordkandidatin. Einer lief also schnell zur Rettungsgesellschaft, der andere zum zuständigen Pfarrer. Und dieser erkannte in der lichtvollen Dame die Erscheinung Mariens.
Von da an beobachteten Hunderttausende von Menschen aller Religionen in großer seelischer Bewegung diese Erscheinungen, die manchmal stundenlang andauerten. Sie erfolgten zuerst täglich und dann dreimal wöchentlich bis in den Sommer 1969. Obwohl Maria bei ihrem Auftreten in Ägypten kein einziges Wort gesprochen hat, ist dieses Erscheinungsgeschehen von größter Bedeutung, denn sie verstand es, eine unglaublich große Anzahl von Menschen durch ihre lang anhaltenden optischen Erscheinungen tief zu bewegen, größtenteils Mohammedaner. Auch die Tatsache, daß sie vor so vielen hohen geistlichen Würdenträgern der verschiedenen religiösen Bekenntnisse erschien, war und ist beispiellos.
Lassen wir also die lebensnahen Augenzeugenberichte auf uns wirken, damit wir sehen, was uns Maria mit diesen Bildern sagen will.
Bischof Athanasius der koptisch-katholischen Kirche berichtet von der Erscheinung am 2. April 1968: «Die Vielzahl der Menschen war erdrückend. Es war schwer, sich hindurchzudrängen, doch ich versuchte es, bis ich endlich unter der Gestalt zu stehen kam. Fünf oder sechs Meter oberhalb der Kuppel stand sie, in voller Größe, leuchtend wie eine phosphoreszierende Statue, aber beweglich, lebendig, sowohl die Gestalt als auch das Gewand bewegten sich. Es war schwer, über die ganze Zeit hinweg meinen Platz unter der Figur zu behaupten, denn die Menschenwogen schoben sich die ganze Zeit über hin und her. Ihre Anzahl mochte sich um Hunderttausend bewegen. Ich glaube, daß ich wohl innerhalb einer Stunde acht- bis neunmal vor der Gestalt über der Kuppel zu stehen kam. Dann fing ich an zu ermüden und dachte mir, es sei nun genug. Als ich der Menschenmenge den Rücken gekehrt hatte, hörte ich Rufe. Es erschien mir unrecht fortzugehen, während die Muttergottes noch dort war. Das Gitter, das den Hof begrenzte, war niedergestoßen worden, daher kehrte ich zum Amtsgebäude zurück, das auf der Rückseite der Kirche gelegen ist. Dort drinnen stand ich dann noch eine weitere Stunde von vier bis fünf Uhr, in den Anblick der leuchtenden Gestalt versunken. Unsere liebe Frau wandte sich gen Norden, winkte mit der Hand, segnete die Leute und auch diejenigen in der Richtung, in der wir standen. Sie selbst war ruhig, voller Herrlichkeit. Ihr Gewand bewegte sich im Winde. Es war, ich muß es betonen, ein übernatürlicher, ein himmlischer Anblick.
Ich erblickte auch eine große, eigenartige Taube. Sie war hinter uns hergekommen, ich weiß nicht von wo. Sie flog zur Kirche und wieder zurück. Mehrere helle Lichter zuckten über uns hin. Die Menschen um uns herum beteten. Moslems zitierten Verse aus dem Koran. Griechen beteten in Griechisch. Andere sangen koptische Hymnen. Was uns alle anzog, war ein Etwas, das über ein menschliches Erlebnis hinausging. Es fesselte uns. Da stand ich nun und mühte mich, das Antlitz, die Gesichtszüge der Gestalt zu unterscheiden. Ich sah etwas um die Augen und den Mund herum, aber doch nicht die eigentlichen Züge. Gegen fünf Minuten vor fünf begann die Erscheinung zu verblassen. Das helle Licht machte einer Wolke Platz, die zuerst hell und dann immer blasser wurde, bis sie verschwand. Später war ich noch sehr oft am Erscheinungsort. Diese Erscheinung aber hat doch den größten Eindruck bei mir hinterlassen!»
Der koptische Bischof Gregorius erzählt besonders schön von derselben Erscheinung: «Diese Ereignisse haben nicht ihresgleichen in Ost und West! Die Heilige Jungfrau erschien auf verschiedene Weisen seit dem 2. April 1968. Sie erscheint noch immer (7. Januar 1969). Die erstaunlichsten und glorreichsten Erscheinungen fanden zwischen dem 27. April und dem 15. Mai 1969 statt. Bevor sie begannen, wurden Vögel wie Tauben gesehen, obwohl ich nicht weiß, was diese eigentlich sind. Machmal erscheinen zwei von ihnen auf der Kuppel, als ob sie gerade herausgeflogen wären. Doch die Kuppel ist dicht verschlossen, die Kuppelfenster lassen sich nicht öffnen. Man hat versucht festzustellen, woher sie kamen! Man konnte sie nach dem Osten fliegen sehen, dann wandten sie sich plötzlich und flogen dem Westen zu. Und während man sie noch beobachtete, sind sie plötzlich verschwunden.
Besonders erinnere ich mich an den 9. Juni, nach dem koptischen Kirchenkalender der Geburtstag der Muttergottes. Ich sah vor der Kirche von Zeitoun stehend zwei Tauben, sehr glänzend, weiß und hell, die Licht auszustrahlen schienen. Fest entschlossen, diese zu beobachten, folgte ich ihnen mit den Augen. Da wurden sie zu winzigen Wolkenflocken, die in den Himmel hinein zu verschwinden schienen. Diese Tauben schlagen nicht mit den Flügeln, eher gleiten sie dahin. Blitzartig erschienen sie und verschwanden ebenso rasch. Sie flogen nicht von der mittleren Kuppel weg, sondern immer um diese herum. Sie blieben stets bei der Kirche und ganz nahe von ihr befinden sie sich immer, wenn sie verschwinden. Manchmal fliegen sie zu sieben in der Formation eines Kreuzes, erscheinen und verschwinden wieder. Was immer sie für eine Formation einnehmen, sie wird behalten. Sie fliegen sehr rasch. Sie leuchten nicht nur auf einer Seite auf, sondern scheinen von innen her durchleuchtet. Federn kann man an ihnen nicht erkennen, nur Helles. Wenn eine von ihnen niedrig fliegt, so kann es vorkommen, daß sie größer und größer wird. Die Menschen sind sich klar darüber, daß dies keine gewöhnlichen Vögel sind. Sie kommen, um die Allerheiligste Jungfrau zu ehren. Gewöhnlich erscheinen sie einige Zeit, bevor eine Erscheinung beginnt.
Ich selbst habe nicht weniger als zehn verschiedene Formen der Erscheinungen erlebt. Einmal erblickte ich eine Öffnung am Himmel, wie die Öffnung zum Heiligtum der koptischen Kirche. Die Allerseligste Jungfrau erschien in dieser Öffnung, größer als lebensgroß, jung, schön, ganz von einem Licht umflossen, das die helle Farbe des ägyptischen Himmels zu haben schien. Auf dem Haupt trug sie ein Gebilde wie einen Schleier. Sie blickte zum Kreuz, das sich auf der Hauptkuppel befindet. Sie schien nicht glücklich zu sein, sie trug die Züge der schmerzensreichen Mutter. An dieser Stelle verblieb sie zwei bis drei Stunden hindurch.
Am Sonnabend, den 4. Mai, haben Menschen ‹Die Frau› in ihrem Strahlenglanz von neun Uhr abends bis zum Morgen acht Stunden lang sehen können. Sie war für Tausende und Abertausende sichtbar. Ich war damals auch dort. Viele gingen nach Hause, um ihre Familien und ihre Freunde zu holen. Die meisten der Anwesenden waren Mohammedaner.
Manchmal erschien ‹Unsere Liebe Frau› auch seitlich der Kirche oder mitten in einem Palmenbaum im Kirchhof. Auch ist ‹Unser Herr Jesus Christus› als Kind gesehen worden. Sie hält ihn im Arm, wohl um sich dadurch vor allem als Muttergottes zu bestätigen. Sie trägt das Kind immer im linken Arm, wohl, weil die Königin nach östlichem Brauch immer an der rechten Seite des Königs steht. Manchesmal trägt sie eine Krone, manchmal auch nicht. Sie mag mehrmals während einer Nacht erscheinen, einmal mit der Krone, manchmal ohne diese. Aber immer sieht sie wie eine Königin aus, sehr schön, sehr aufrecht. Sie bewegt sich so, daß sie alle sehen können. Langsam und würdig. Manchmal hält sie einen Olivenzweig in der rechten Hand. Ein anderes Mal erhebt sie beide Hände zum Segen.»
Diese wunderbare Erscheinung erinnert lebhaft an das Hohe Lied, das, von ägyptischen Liebesliedern beeinflußt, sich zu den wunderbar orientalischen Lobpreisen zwischen der liebenden Seele und Gott in glühenden Worten hochjubelt und die mystische Liebeseinheit besingt. Wo gäbe es ein besseres Vorbild als Maria in ihrer Liebe zu Christus und seine göttlich zärtliche Erwiderung?
«Schön bist du, meine Freundin, ja, du bist schön.
Hinter dem Schleier deine Augen wie Tauben ...
Doch einzig ist meine Taube, die Makellose,
die Einzige ihrer Mutter
die Erwählte ihrer Gebärerin.
Erblicken sie die Mädchen
sie preisen sie
Königinnen und Nebenfrauen rühmen sie.
Wer ist, die da erscheint wie das Morgenrot
wie der Mond so schön,
strahlend rein wie die Sonne,
prächtig wie Himmelsbilder?
In den Nußgarten stieg ich hinab
um nach dem Sprossen der Palme zu sehen ...»
(Hld, 4,1/6,9-11)
Dieses herrliche Liebeslied ist geradezu eine hymnische Schilderung dieser Erscheinungseindrücke!
So verwundert es dann auch nicht, daß eine der schönsten Erscheinungen Mariens am 1. Juni 1968, am Fest der «Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten», stattgefunden hat.
Und was die silbernen Tauben betrifft, so sollten sie gerade die koptischen Priester daran erinnern, daß sie in ihrer Liturgie bei allen Marienfesten immer wieder singen: «Du Taube mit silbernen Schwingen, mit goldenem Flügel» (Ps. 68,14).
Die Menschen aller Religionsbekenntnisse waren sichtlich von diesen Marien-Erscheinungen berührt. Ein protestantischer Ingenieur erzählte, daß bei Erscheinungen Mariens alle zuerst «das ist doch nicht möglich!» riefen, dann, so berichtete er, fingen die Mohammedaner alle zu weinen an. Was sich da wohl in ihren Seelen entladen hat? Vielleicht hatte sie das reine Mütterliche Mariens ins Innerste getroffen: ein Frauenideal, das sie an so heiß ersehnte Ideale wie Versöhnung, Geborgenheit und Liebe erinnert.
Herr Shumbo, ein Protestant, verstand es ebenso, seiner Begeisterung Ausdruck zu verleihen: «Ich sage euch, ich habe die Jungfrau gesehen. Ich sah sie in ihrer vollen Gestalt. Das waren keine Schatten, die ich sah. Tausende und Abertausende Menschen, Fünfzig- oder Hunderttausende kommen aus den Dörfern und Städten. Sie alle, auch die Mohammedaner, breiten ihre Leinentücher und Gebetsteppiche auf der Straße aus und singen Hymnen zu Ehren der Jungfrau und Muttergottes. Das haben wir noch nie getan, zumindest nicht öffentlich.»
Dazu kommen eine große Zahl beglaubigter Heilungswunder.
Es gibt keinen Zweifel an der Absicht Mariens in Ägypten, gerade hier wollte sie die verschiedenen Religionen versöhnen, besonders natürlich die Christen und die Mohammedaner: in diesem Zusammenhang soll eine der schönsten Stellen des Koran zitiert werden, die bezeichnenderweise Maria gewidmet ist:
«Maria, Gott hat dich erwählt, gereinigt hat er dich und auserwählt vor allen Frauen.
Maria, sei gehorsam deinem Herrn und werfe beugend dich tief vor ihm nieder ...
Maria, Gott gibt Kunde dir, die gute, eines Herrn entsandt von ihm, genannt Messias, Jesus, Sohn Mariens. Geehrt wird er hoch in dieser und der nächsten Welt, ganz dicht gerückt an Gott hin wird er sein. Er wird zu Menschen sprechen von der Wiege her und auch wenn er bereits erwachsen ist, denn von Gerechtigkeit erfüllt wird stets er sein.
‹Herr, Maria sprach’s, wie soll es nun geschehen, daß mir ein Sohn wird, da kein Sterblicher mich je berührt?›
Doch sei es so, sagt Gott zu ihr, denn Gott erschafft was er nur will, zu sagen hat er nur ‹es sei› und es geschieht» (2; 42-47).
So ist die Anerkennung der Marien-Erscheinungen von Zeitoun erstmals eine die Konfessionen übergreifende: Sie erfolgte am 4. Mai 1968 vom Koptisch-Orthodoxen Patriarchat in Kairo; dann vom katholischen Patriarchen; vom Leiter der evangelischen Kirche Ägyptens. Und sogar die ägyptische Regierung gab die amtliche Bestätigung! Bei dieser Menge von Zeugen und Heilungswundern kein wirkliches Wunder. Oder doch?
Quelle: P. J. Palmer OSB: Zeitoun, die Frau kehrt nach Ägypten zurück; mit freundlicher Genehmigung der Arbeitsgemeinschaft e.V. «Das Große Zeichen - Die Frau aller Völker»
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