Kompetenz Verlag

Gertraud Neuhaus "Samenkörner für deinen Weg"

Dein Nächster ist dein Spiegel


Seit einiger Zeit – waren es Tage oder Wochen, vielleicht sogar Jahre? –, niemand wusste genau seit wann, lebte weit abseits vom Dorf tief im Wald ein uraltes Weib. Jäger, die manchmal vorbeigekommen waren, berichteten den Leuten, die Uralte säße immer reglos auf einem Baumstamm vor der Tür ihrer halb zerfallenen Hütte und bewege nur den Kopf, wenn sie ein Geräusch höre, ganz langsam hin und her wie eine Eule. Auch ihr Körper erinnere an diesen Waldvogel, denn eingehüllt in ein graubraunes Tuch sei ihr menschlicher Körper nicht auszumachen.

Einer der Männer jedoch, Jan, der einmal die Jäger begleitete, hatte ihr in die Augen gesehen. Diese Augen, erzählte er im Dorf, seien von nie da gewesenem Leuchten, sie strahlten wie das hellste Himmelsfeuer und blickten aus wasserblauer Iris durch einen durch, als sei man nur ein Geistwesen, über welches sie lächeln müssten. Da bekamen die Dorfleute Angst vor der Uralten im Wald und mieden seither die Nähe ihrer Hütte. Nur Jan, der träumte von Zeit zu Zeit nachts von diesen alles durchdringenden, wasserblauen Augen, wenn er sich auf hartem Lager in von vielen Sorgen gequältem, ruhelosem Schlaf wälzte. Magisch zogen sie ihn in ihren Bann, fesselten ihn und ließen seinen Körper in Furcht erstarren und gleichzeitig befreiten sie ihn auf eine unaussprechliche Weise. Verwirrt und schweißgebadet wachte er nach solch einer Traumnacht am Morgen auf und brauchte Stunden, um seine Arbeit als Bauer aufnehmen zu können. Schwer seufzend unter der Last, die er zu tragen hatte, begann er dann, erst wenn die Sonne hoch am Himmel stand, die dürre Kuh anzuspannen, um das Feld zu pflügen.

Ach, wie er diese Plagerei hasste, diese schwere Bauernarbeit, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Sein Feld lag auf magerem, steinigem Boden. Nur mühsam und spärlich reckte sich die ausgestreute Saat der Sonne entgegen. Manchmal wurde sie vorher von den Vögeln aufgepickt oder sie erstickte unter der Last der Steine. Häufig kam vor der Ernte ein Unwetter und zerstörte, was so schwer in Sommermonaten gewachsen war. Bitter und hart empfand Jan dieses Leben. Armut hieß der freudlose Geselle, der als dunkler Schatten stets an seiner Seite wandelte. Nur eines tröstete ihn ein wenig, seinem Nachbarn Josi ging es genauso schlecht wie ihm, ja, eigentlich noch schlechter, da dieser nicht einmal eine Kuh besaß und er sich selber vor den Pflug spannen musste. Aber bei Josi war es auch etwas anderes als bei ihm! Josi, mit Dumm- und Faulheit geschlagen, würde es nie zu etwas bringen, ja, der war selber Schuld an seiner schlechten Lage. Jan fielen hundert Dinge ein, welche sein Nachbar besser machen könnte. – Er sollte Getreide anbauen, welches besser auf seinem Boden wuchs! Er müsste seine Arbeitsgeräte in Ordnung bringen und seine Arbeit mit Freude verrichten! Er dürfte am Morgen nicht so spät mit der Arbeit beginnen und auch zwischendurch nicht so viele Pausen einlegen. – Seine Gedanken zeigten mit tausend Fingern auf den Nachbarn, der sich wenig entfernt von ihm ins Joch gespannt hatte. Stundenlang zerbrach sich Jan den Kopf über seinen Nachbarn, bis es plötzlich laut krachte.

So tief in Schuld zuweisendes Denken verstrickt, war er mit ganzer Kraft vor einen großen, halb aus der Erde ragenden Stein gestoßen. Das alte Werkzeug ging dabei zu Bruch. Der Schreck lähmte Jan, wie angewurzelt stand er da und glotzte starren Blickes auf den Pflug, der in zwei Teilen vor seinen Füßen lag. Nun fluchte er, dass die Vögel in den Bäumen erschraken, und warf sich dann am Feldrand verzweifelt ins Gras, um sich dem ganzen Ausmaß seiner hoffnungslosen Situation bewusst zu werden. Wie sollte er jetzt sein Feld fertig pflügen? Er konnte seine Saat nicht in die Erde bringen und damit fiel die Ernte in diesem Jahr ganz aus. Er hatte keinen Notgroschen zurückgelegt, um einen neuen Pflug kaufen zu können. Die Armut, die bisher stumm an seiner Seite gewandelt war, warf sich plötzlich wie ein wildes, alles verschlingendes Tier über ihn. In Jan schrie es laut: „Nein, nein, das darf nicht sein!“

Und da, da aus dem Nichts in seiner tiefsten Verzweiflung waren sie plötzlich wieder gegenwärtig, diese Lichtaugen der uralten Frau aus dem tiefen Wald! Was wollten sie? Warum zogen sie ihn so magisch in ihren Bann? Sollte er der Sache auf den Grund gehen? Was hatte er noch zu verlieren? Es war ja sowieso alles zu Ende!

So machte sich Jan auf, er wanderte an Feldern und Wiesen vorbei bis zum Wald. Weit war der Weg, dunkel der Pfad durch dicht gewachsene Bäume. Manchmal musste er sich mit den Armen den Weg durch das Dickicht bahnen, bis er endlich zum Haus der Uralten kam. Mit jedem Schritt klopfte sein Herz jetzt schneller, der Angstschweiß lief ihm den Rücken hinunter. War es doch ein Fehler, hierher zu kommen? „Nein, jetzt gibt es kein zurück mehr“, fuhr es dem Mann durch den Kopf. Vorwärts, nur vorwärts! Da stand er auch schon vor dem Eingang der Hütte. Zaghaft klopfte er an, und als er keine Antwort erhielt, stieß er die laut knarrende Tür einfach auf.

Nach einigen Minuten gewöhnten sich seine Augen an das Halbdunkel im Raum und er sah die Alte am Herd hantieren. Ihr Blick aus allwissenden Augen wies ihm einen Platz am Tisch zu. Nachdem die Frau ihr Werk verrichtet hatte, setzte sie sich Jan gegenüber. Noch immer war kein einziges Wort über ihre Lippen gekommen, allein ihre Körperhaltung ermutigte den Mann zum Sprechen. Reglos hörte die Uralte seine Klagen. Schuld an seiner traurigen Lage seien das geringe Erbe der Eltern, das steinige Feld, das schlechte Wetter, die alten Werkzeuge und der schmerzende Rücken, jammerte er. Irgendwann dann, – nach Stunden– war die Geduld der Frau zu Ende. Mit gekrümmtem Zeigefinger deutete sie an, dass Jan näher rücken sollte, noch näher. Obwohl es Jan nicht ganz geheuer war, rückte er ganz dicht mit dem Ohr an ihre Lippen heran. Nur einen einzigen kurzen Satz sprach sie, nur ein paar Worte.

„Dein Nächster ist dein Spiegel!“

Dann stand die Uralte auf und zeigte auf die Tür. Es sollte wohl soviel heißen wie, sie sei jetzt fertig, er könne nun gehen. „Hm, das war alles?!“, dachte Jan, „und davor hatte ich solche Angst, es war ja zum Lachen!“ Dankend grüßte er, erhob sich und machte sich eiligen Fußes auf den Heimweg. Bei jedem Schritt wiederholte er den Satz, welchen ihm die alte Frau ins Ohr geflüstert hatte. „Dein Nächster ist dein Spiegel! Dein Nächster ist dein Spiegel!“ Was verbarg sich nur dahinter? Was meinte die Alte? Wer war sein Nächster? Hm, Josi war sein Nächster, Josi war sein Spiegel!? Der arme Hund!? Er grübelte und grübelte, bis er ganz plötzlich verstand.

Ein tiefes Erwachen durchbebte Jan, erschütterte seinen Körper und ließ ihn im Laufen innehalten. Ja, die uralte Frau, die an eine Eule erinnerte, sie hatte Recht! Die tausend Gedanken vom Morgen, alles Fehler- und Mangelhafte, was er bei Josi anklagte, trafen auf ihn selber zu! Es war furchtbar, der Wahrheit so ins ungeschminkte Gesicht zu sehen, so grässlich und ernüchternd, doch er musste zugeben, auch befreiend.

In dieser Nacht schlief Jan ruhig und traumlos. Erfrischt wachte er am Morgen auf und fand, zu seiner großen Freude, im Schuppen einen alten verrosteten Pflug, mit dem er erst einmal sein Feld fertig bearbeiten konnte. Auch ärgerten ihn heute die vielen Steine auf dem Feld weniger als sonst und er begann sie an den Rand zu tragen, erst die größeren, im Laufe der Zeit dann auch die kleinen. Im nächsten Frühjahr würde er andere Saat kaufen, eine, die auf seinem Land besser gedieh. Haus und Hof räumte der Mann auf und sein Besitz begann allmählich zu erblühen. Freude nannte sich der helle Geselle, der nun an seiner Seite war. Ganz langsam, beinahe unbemerkt, trat noch ein zweiter Begleiter dazu, sein Name war Wohlstand.

Neidisch und fassungslos blickte Josi jetzt häufig über den Zaun. Was war hier geschehen, fragte er sich. Welchem Wunder verdankte sein Nachbar dieses Wohlergehen. Er konnte es sich nicht erklären.

Eines abends dann im Wirtshaus beim Bier nahm er seinen ganzen Mut zusammen und fragte Jan nach dem Geheimnis seines gewandelten Lebens. Dieser zog die Augenbrauen hoch, lächelte nur geheimnisvoll verschmitzt und meinte, er verdanke es der uralten „ Eule“ aus dem Wald. Josi, nicht faul, machte sich ebenfalls auf den Weg, um von dem Weib beschenkt zu werden. Auch ihm klopfte das Herz vor Angst bis zum Hals, als er eintraf. Auch ihn winkte sie mit krummem Finger heran, ließ ihn dann ausführlich von seinem Elend berichten. Zum Ende gekommen, meinte Josi dann, sie solle ihm doch auch helfen, wie sie Jan geholfen hatte. Auch Josi ließ die „Eule“ nun näher rücken, noch näher, bis ihre Lippen dicht an seinem Ohr hingen und ihm ein kalter Angstschauer über den Rücken lief. Nur einen einzigen Satz sprach sie, nur den einen! „Dein Nächster ist dein Spiegel!“

Auf dem Heimweg grübelte Josi, was die alte Frau wohl gemeint habe. Schritt für Schritt fuhr ihm der Satz durch den Kopf. „Dein Nächster ist dein Spiegel! Dein Nächster ist dein Spiegel!“ „Mein Nächster, mein Nächster, mein Nächster, papperlapapp! Mein Nächster ist Jan.“

Was spiegelte ihm Jan! Freude und Wohlstand!? War das am Ende auch für ihn eine erreichbare Lebensweise? Welche Kräfte schlummerten da tief in ihm und warteten schon viel zu lange darauf, geweckt zu werden? „Ja“, rief Josi ganz laut, dass die Waldtiere flüchteten, „ja, ja, ich werde es versuchen, ich will auch, dass es mir so gut geht.“

Josi stand von nun an mit dem ersten Hahnenschrei auf und arbeitete fleißig bis Sonnenuntergang. Auch bei ihm zogen langsam Wohlstand und Freude ein und waren schon bald auf Dauer Gäste in seinem Haus. Das Glück tanzte nun auch auf seinem Land einen fröhlichen Reigen.


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