Visionen 2/98:
In dem thematisch auf das noch werdende Geschehen ausgerichteten Buch der als "Mystikerin an der Donau" titulierten Luise Wittmann tritt uns ein auf viele Bereiche des geistigen Lebens geöffnetes Werk entgegen, welches trotz seinem Anspruch auf Universalität im Rahmen der abendländisch-esoterischen Christologie bleibt. Hier reiht sich das Weltbild von Durchgaben und Channels höherer Weihen in die schon existierende Vielfalt geistchristlicher Bewegungen ein, die von großkirchlich besoldeten Sektenjägern gern einem östlich-theosophisch angehauchten Dunstkreis zugeordnet werden, weil ihnen unter anderem die schwerverdauliche Reinkarnationslehre auf den klerikalen Dogmenmagen schlägt. Den Botschaften und Durchgaben an die Autorin ist deren aufwühlende Biographie vorangestellt, welche einen bitteren Leidens- und Entbehrungsweg aufzeigt, der auch weltliche Zyniker nicht kaltlassen wird, abgesehen vielleicht von den visionären Erlebnissen, die einen schwerbegreiflichen pathologischen Touch aufweisen ("die Lichtfülle seiner Ausstrahlung war so ungeheuerlich, daß ich nur mehr um mein Leben kämpfte" S.74) oder die Leidenssehnsucht christlicher-exoterischer Überlieferungsgepflogenheiten bestätigen ("der Gekreuzigte wurde unter meinem Blick immer lebendiger in seinem Todesleiden, da griff ich zu den Dornenruten, um ihn nicht allein leiden zu lassen" S. 77).
Ohne Zweifel ist die Lektüre des an diesen und vielen anderen Stellen vor "Paranormalität" strotzenden Buches Besonnenheit angeraten, die sich nicht zwischen den zwei Extremen der rigorosen Ablehnung einerseits und des ehrfurchtvollen Erschauerns andererseits aufreibt, sondern das alles zum Anlaß nimmt, sich einmal gründlich mit der Autoritätsforderung der hohen Mystik zu befassen, die Führungshoheit einem "Lebemeister" (so Meister Eckart), der die Fallstricke, Unebenheiten und Verlockungen des inneren Pfades kennt, zu überlassen. Ein grundlegendes und nicht durch dogmatische Sicht versperrtes Verständnis des mystischen Lebens wäre zu erarbeiten, damit die Empfehlungen von Adepten der spirituellen Seelenkunde wie Meister Eckart oder Maulana Rumi, um nur zwei Traditionen im Christentum und Islam zu benennen, umgesetzt werden: nämlich die Beherrschung des mentalen Bewußtseinsinstrumentariums zu verinnerlichen und bei medialen Konferenzschaltungen ins Jenseitige der Stimmenvielfalt und dem überbordenden Belehrungsangebot einen Riegel vorzuschieben. Nur das genuin Göttliche wäre hier das Gebot der Stunde wie auch der geistigen Gesundheit. Kennen wir nicht aus dem banalen Alltag die grotesken, aber bezeichnenden Beispiele, wo wohlgemeinte Informationen, Anweisungen und Ankündigungen durch viele zwischengeschaltete Überbringer oft das verzerrte Gegenteil bewirken?!
Vor dem Leser Luise Wittmanns breitet sich eine Vergangenheit und Zukunft durchdringende Schau aus, um für die Gegenwart probate Verhaltensanweisungen zu gebieten, die dann in umständlichen Erklärungen höherer Art die geschundende Schöpfung als eine auf die Überzeitlichkeit hin ausgerichtete Einheit ausweisen; und wenn auf dieser Plattform die hehre Kunde vom neuen Menschen auf neuer Erde vorgebracht wird, dann mag die Aussage der Autorin, sie sei " nach wie vor die Forschende, die erst am Anfang steht" (66) der korrigierende Gegenpol sein. Dieser nimmt dem vehementen Ausruf: "Ich möchte es mit dieser Schrift hinausschreien, daß jeder seine Heimat suchen muß, weil er durch Gottes Ruf geschaffen worden ist" (66) in keiner Weise seine Gültigkeit. Läßt sich der Erkenntnis suchende Leser auf die ab und zu antiquierte, vom Pathos der heiligen Leidenschaft durchdrungene Diktion und Gedankenfluß der Autorin ein, wird er in jene sensible Stimmung geraten, welche unser Dasein als fragiles und vergängliches Konstrukt wie selbstverständlich in die Möglichkeit jenseitiger Dimension einbettet, und die Sehnsucht des Durchreisenden empfinden, dem die Kanten und Härten dieser Welt nicht Endstation bedeuten.
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